Anders als gewünscht

Ein guter Teil meiner Depression rührt von dem Gefühl nicht gut genug zu sein, nicht den Erwartungen und Wünschen anderer zu entsprechen. „Andere“ waren zuallererst meine Eltern. Das waren eben die Personen, die ich zuerst kennen lernte, und die mich, aufgrund einer gewissen Abhängigkeit meinerseits von Ihnen, zuerst prägten. Die Eindrücke, die die Eltern hinterlassen sind nunmal die tiefsten, schließlich geht es am Anfang ums blanke Überleben.

Ich bin die Erstgeborene. Laut meinen Eltern ein absolutes Wunschkind. Naja, und Wünsche bergen Erwartungen…

Man stelle sich die Erstlingseltern vor, wie sie sich so sehr über den positiven Schwangerschaftstest freuen, die Schwangerschaft gemeinsam erleben, das erste gemeinsame Nest bauen, auf den Termin der Termine hinfiebern. Sie wollen alles vorbereitet haben, wenn das Wunschkind eintrifft. Und dann platzt einige Tage nach dem errechneten Entbindungstermin die Fruchtblase, per Rettungswagen gehts ins Krankenhaus, das Kind liegt falsch herum, muss per Kaiserschnitt geholt werden. Die erste Enttäuschung.

Die junge Erstlingsmama ist nervös und unsicher, wird von den Schwestern und Hebammen nicht beraten und unterstützt und „schafft“ es somit nicht das Kind zu stillen. Die zweite Enttäuschung.

Zu Hause stellt sich dann heraus, dass das Kind nicht aufhört zu brüllen. Es lässt sich kaum beruhigen, es brüllt die Nerven der Eltern blank. Nix mit süß und rosig…dafür die dritte Enttäuschung.

Das Kind, nennen wir es mal Daniela, trinkt auch nicht wie es soll. Stunden dauert es, bis das Fläschchen leer ist. Und kaum ist die Milch im Kind, kommt sie auch schon wieder heraus. Die vierte Enttäuschung.

Ein „Easy-Baby“ war ich definitiv nicht.

Ich nehme an meine Eltern waren ziemlich frustriert und das hab ich mitbekommen. Ich entsprach nicht den Wünschen und Vorstellungen. Und so ging es weiter.

Mehrmals in meiner Kindheit wendete sich eine „beste“ Freundin ab und hatte plötzlich eine neue, ich war nicht lieb und brav und ordentlich. Ich fand nie Anschluss an eine Clique, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl nicht gut genug zu sein bereits verinnerlicht. Ich war häufig in Jungs verliebt, die keine Notiz von mir nahmen oder mich abwiesen.

Einen Höhepunkt, oder wohl eher Tiefpunkt, werde ich nie vergessen: Ich ging das erste mal mit meinen Eltern zu einer Therapeutin. Ich muss irgendwas zwischen 12 und 15 gewesen sein. Ich wollte da nicht hin. Meine Eltern hatten vorher schon einige Gespräche mit ihr gehabt. Sie unterhielt sich mit mir und nach einiger Zeit sagte sie: „ich lerne hier eine völlig andere Daniela kennen, als deine Eltern sie beschrieben haben. In ihren Erzählungen bist du immer die Aufsässige und Trotzige.“

Im Nachhinein denke ich: wie blöd darf eine Therapeutin eigentlich sein, sowas zu einem Kind ohne Selbstwertgefühl zu sagen. Aber immer wenn ich an dieses Erlebnis denke, spüre ich die Scham und Verletztheit. Dieses Gefühl eine Enttäuschung zu sein für die Menschen, denen ich nunmal mein Leben verdanke.

Erst 15 Jahre später lernte ich in der Schematherapie die Gedankenmuster zu durchbrechen. Mich abzugrenzen. Mich gut zu finden mit meinen Stärken und meinen Schwächen. Das ist immer noch „in progress“ aber es wird. Und es fühlt sich halt gut und richtig an.

Natürlich sind meine Eltern nicht der einzige Grund für meine Depression. Aber irgendwo fängt es nunmal an. und ich denke bei mir fing es mit der geplatzten Fruchblase an. Zum Glück hab ich aber auch viele schöne Kindheitserinnerungen. Es war nicht alles nur scheiße :-)